Vorsicht beim "blinden Fleck"
Kennt ihr das „Johari-Fenster“? Es ist ein Modell, das in den 50er-Jahren von den amerikanischen Sozialpsychologen Joseph Luft und Harrington Ingham entwickelt wurde (daher auch der Name Jo-Hari).
Das Modell besagt, dass unsere Persönlichkeits- und Verhaltensmerkmale in vier Bereiche aufgeteilt werden können:
- Öffentliche Person: Das, was jeder an uns kennt.
- Mein Geheimnis / Privatperson: Unsere geschützte Privatsphäre.
- Blinder Fleck: Das, was andere an mir sehen, wovon ich selbst aber nichts weiß.
- Unbekanntes: Dinge, die weder ich noch andere wissen – wie etwa Talente im Verborgenen oder Geschehnisse in der Zukunft.

(Quelle für Bild und Definition oben: de.wikipedia.org)
Und gerade die rechte Seite des Fensters fasziniert mich pur, insbesondere der blinde Fleck.
Demnach hat jeder von uns Bereiche in seiner Persönlichkeit, von denen er absolut nichts ahnt. Das heißt, es gibt Dinge an mir, von denen ich keinen blassen Schimmer habe. Und es kommt noch schlimmer: Oft verteufeln wir genau die Menschen, die uns etwas davon verraten wollen. Geh weg, du Störenfried! Ich habe keine Zeit für deine Ideen!
Eine meiner eigenen Erfahrungen dazu:
„Zdenka, du musst lernen, die Prioritäten richtig zu setzen!“
Diesen Satz habe ich unzählige Male gehört. Was dachte ich damals? Was erzählt er da? Ich mache doch schon jetzt alles richtig. Ich erledige alles und habe meine Sachen im Griff. Priorisieren interessiert mich nicht. Wieso kritisiert mich diese Person überhaupt? Ich mag sie gerade gar nicht.
Dabei hat diese Person nur etwas gesehen, was ich mir selbst einfach nicht zugeben wollte. Zum Teil auch deswegen, weil ich schlicht keine Lust darauf hatte. Aber es war so wahr! Alles einfach nur nacheinander abzuarbeiten, hat mich im Leben so oft ausgebremst und – was noch schlimmer ist – völlig ausgelaugt.
Nichts zu tun, ist natürlich das Einfachste. Die nächste Stufe ist es, vor sich „hinzuwurschteln“ oder alles in einer beliebigen Reihenfolge zu erledigen. Das ist zwar produktiver, aber die höchste Kunst ist mit Abstand, an den richtigen Dingen zu arbeiten. Ich bin darin schon besser geworden, aber ich lerne es immer noch.
Das Spannende ist: Ich habe nicht damit angefangen, weil mir das jemand gesagt hat. Sondern ich musste es selbst erkennen und erst einmal sprichwörtlich „auf die Nase fallen“. Es gibt eben Momente, die einen erst emotional bewegen müssen, damit sich wirklich etwas bewegt.
Die Akzeptanz des blinden Flecks – bei uns selbst UND bei anderen – kann uns im Umgang mit Menschen enorm helfen. Wir sind oft sehr schnell dabei, über andere zu urteilen, und meinen, Dinge viel besser zu wissen. Ja, wir sehen die Fehler der anderen meistens sofort. Manchmal macht es uns sogar wütend, dass der andere aufgrund seiner ganz persönlichen Merkmale nicht so handelt, wie er „sollte“. Und schon wollen wir ihn aufklären.
Aber aufgepasst! Die Möglichkeit, dass er uns danach nicht mehr mag, ist da :) Die meisten Menschen wollen ihren blinden Fleck in ihrem ganz eigenen Tempo erkunden – wenn überhaupt. Unsere Wahrheiten fallen bei Anderen nicht zwingend auf fruchtbaren Boden, ganz im Gegenteil: Es kann sich gegen uns wenden und die Beziehung belasten.
Wir sollten Menschen so akzeptieren, wie sie sind. Sie verbessern oder ändern sich, wenn sie es selbst wollen oder können. Davon dürfen wir ausgehen. Und das Leben geht trotzdem in seiner ganzen, wunderbaren Vielfalt weiter :)