Warum ich 38 Jahre lang Nägel gekaut habe und wie ich schließlich damit aufgehört habe

Mit dem Nägelkauen aufzuhören ist schwer. Im Grunde ist es ähnlich wie beim Abnehmen. Es gibt unzählige Tipps, Methoden und Hilfsmittel, und trotzdem gelingt die Veränderung oft nicht dauerhaft. Wir probieren etwas Neues aus, halten eine Weile durch und fallen dann wieder in alte Gewohnheiten zurück. Das gewünschte Ergebnis bleibt aus, manchmal über Jahrzehnte hinweg. So war es jedenfalls bei mir.

Die entscheidende Frage lautet nicht: „Wie kann ich mit dem Nägelkauen aufhören?“ Genauso wenig wie die Frage beim Abnehmen lautet: „Wie könnte ich weniger essen?“ oder beim Sport: „Wie kann ich mich endlich motivieren?“

Die wichtigere Frage ist:

Warum tue ich das überhaupt?

Warum kaue ich an meinen Nägeln? Warum esse ich zu viel? Warum vermeide ich Bewegung?

Jeder Mensch hat seine eigenen Gründe für das, was er tut oder nicht tut. Diese Gründe beeinflussen unser Denken, Fühlen und Handeln. Deshalb hilft nicht jede Methode jedem Menschen gleichermaßen. Entscheidend ist, die Ursache hinter dem Verhalten zu verstehen.

Als ich fünf Jahre alt war, passierte etwas, das ich nie vergessen habe. Im Kindergarten setzte die Erzieherin alle Kinder an einen Tisch und kontrollierte unsere Fingernägel. Vier Kinder hatten Schmutz unter den Nägeln. Zur Strafe bekamen sie einen Schlag mit dem Lineal auf die Hände und wurden beschämt.

Ich war eines dieser Kinder.

Damals verstand ich die Welt nicht mehr. Warum hatte mir niemand gesagt, dass man Fingernägel reinigen sollte? Hätte ich es gewusst, hätte ich es natürlich gemacht. Ich war schließlich ein Kind.

Kurz darauf kam meine damals beste Freundin zu mir und sagte:

„Schau mal, ich kaue meine Nägel. Dann kommt auch kein Dreck darunter.“

Für mein kindliches Gehirn war das die perfekte Lösung.

Problem gelöst.

Leider nicht nur für den Moment, sondern für die nächsten 38 Jahre.

Mit 43 Jahren gab ich schließlich alle gängigen Methoden auf. Bitterer Nagellack, Ersatzhandlungen, Belohnungssysteme, Motivationstipps. Sie halfen meist nur kurzfristig. Sobald die künstliche Kontrolle wegfiel, begann das Kauen erneut.

Also beschloss ich, einen anderen Weg zu gehen.

Anstatt mich zu fragen, wie ich das Nägelkauen stoppen könnte, fragte ich mich jedes Mal:

„Warum kaue ich gerade jetzt?“

Mit der Zeit erkannte ich bei mir drei Hauptauslöser:

  1. Stress
  2. Müdigkeit
  3. Hunger

Ja, tatsächlich Hunger.

Anstatt weiter gegen das Nägelkauen zu kämpfen, begann ich, mich um die eigentlichen Ursachen zu kümmern. Ich lernte, Stress besser wahrzunehmen und zu regulieren. Ich gönnte mir Pausen, wenn ich erschöpft war. Und ich achtete stärker auf eine eiweißreiche Ernährung, um Heißhunger vorzubeugen.

Die wenigen Rückfälle, die es zwischendurch noch gab, ließen sich mit bitterem Nagellack gut begrenzen. Der Unterschied war: Ich bekämpfte nicht mehr das Symptom, sondern die Ursache.

Heute sind meine Nägel schön gepflegt und lackiert.

Und noch wichtiger:

Ich muss mich nicht mehr verstecken.

Denn die Veränderung begann nicht in dem Moment, als ich versuchte, mit dem Nägelkauen aufzuhören.

Sie begann in dem Moment, als ich die Ursache verstand, WARUM ich das überhaupt mache.

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